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Integrität Eine christliche Hintergrundperspektive in 7 Thesen |
Dr. Rainer Behrens
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| 1. Vorbemerkung |
Wenn Integrität im Kern in der Übereinstimmung zwischen den Werten, denen man sich verpflichtet fühlt, und der gelebten Realisierung dieser Werte besteht, ist es wichtig, die Werte zu begründen, auf die man sich verpflichtet. Eine reine Übereinstimmung zwischen Wert und Handlung bestand in einem erstaunlich hohen Masse auch bei Menschen wie Adolf Eichmann, der in diesem Sinne als eine integre Persönlichkeit bezeichnet werden muss.
Das Beispiel macht deutlich, dass man im Vorfeld konkreter Einzelfragen zum Thema Integrität fragen muss:
> welche Werte man aus welchem Grunde vor welchem weltanschaulichen Hintergrund vertritt
> woher man die Motivation und Kraft nimmt, diese Werte in die Tat umzusetzen
> wie man mit sich selbst und anderen umgeht, wenn die Umsetzung der Werte misslingt
Eine christliche Sicht von Integrität ist den Werten verpflichtet, die sich aus einer literarisch, historisch und theologisch verantwortlichen Lektüre der christlichen Bibel ergeben. Die Eckpunkte dieser Werte lassen sich in den beiden Begriffen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit ausdrücken. Wie diese Grundwerte in konkreten Zusammenhängen im Hinblick auf die Fragen von Integrität auszudifferenzieren sind, kann das vorliegende Papier nicht leisten. Es bezieht sich lediglich auf theologische Grundsatzüberlegungen.
Da jedoch bereits Grundwerte wie Gerechtigkeit, Barmherzigkeit usw. in unterschiedlichen weltanschaulichen Bezugsrahmen inhaltlich unterschiedlich gefüllt werden, muss ein Wort über den Worldview (Weltsicht) gesagt werden, der die hier vertretenen Auffassungen über die Hintergründe zur Frage der Integrität prägt. Dieser Worldview ist ein explizit christlicher, der die folgenden Kernpunkte umfasst.
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| 2. Der christlich-weltanschauliche Hintergrund |
Diese Thesen basieren auf einem ganzheitlichen Verständnis der biblischen Sicht von der Realität Gottes als Schöpfer, Erlöser und Erneuerer dieser Welt und versteht den Menschen als Repräsentanten Gottes: Der Mensch ist beauftragt, diese Welt im Sinne des biblischen Gottes zu gestalten. Da dieser Gott ein Gott der Liebe, d. h. der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit ist, soll die Herrschaft des Menschen eine gerechte und barmherzige sein. Der Inhalt von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sowie die damit zusammenhängenden weiteren Werte werden in der Bibel auf vielerlei Weisen kommuniziert.
Die Bibel ist dabei wesentlich die Story Gottes mit der Welt in drei Hauptakten:
> Schöpfung
> Gebrochenheit der Schöpfung
> Erlösung und Erneuerung der Schöpfung
Im Folgenden werden diese drei Hauptakte in ihrer theologischen Bedeutung erläutert.
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| 3. Schöpfung |
Die gesamte Wirklichkeit ist von Gott gut geschaffen. Mit diesem Satz weisen wir alle falschen Dualismen ab, die die Welt an sich in gute und böse Bereiche unterteilen.
Wir weisen auch die moderne Dichotomie ab, die die Welt in objektive, öffentliche Bereiche und subjektive, private Bereiche aufspaltet. Wenn die gesamte Wirklichkeit der Welt Gottes gute Schöpfung ist, gilt es zu erkennen, auf welche Weisen sich die verschiedenen Dimensionen der Schöpfung durchdringen.
Auf diese Weise wird anerkannt, dass das Leben in dieser Schöpfung gelingt, wenn den weisen Schöpfungsordnungen Gottes nachgespürt wird und diese, wenn erkannt, kreativ in immer neuen Kontexten umgesetzt werden.
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| 4. Die Gebrochenheit der ganzen Schöpfung |
Die Realität der Welt spiegelt meist stärker das Austoben negativer, böser Mächte als die heilvolle, gute Macht Gottes wider. Auch dies bezieht sich auf alle Bereiche der Schöpfung.
Die Überzeugung von der Gebrochenheit der eigentlich guten, gesamten Schöpfung durch Mächte des Bösen bewahrt vor jeglicher Ideologisierung und vor der Erwartung des Heils von Einzelaspekten der Schöpfung.
So greifen nach biblisch-theologischem Verständnis ideologische Analysen zu kurz, die entweder alles Übel oder alles Heil hauptsächlich z. B. in wirtschaftlichen und finanziellen Zusammenhängen sehen (Marxismus und Kapitalismus) oder z. B. in sexuellen Zusammenhängen (Freud). Alle ideologisch-reduktionistischen Analysen des Bösen und seiner Überwindung werden von einem biblisch-theologischen Worldview zurückgewiesen.
Das Böse tobt sich in allen Bereichen der Schöpfung aus, und alle Bereiche der Schöpfung bedürfen der Erlösung und Erneuerung. Für den Bereich der Integrität bedeutet dies, dass man als Mensch seine persönlichen Gefährdungen erkennt und schrittweise überwindet. Der christliche Glaube bietet hier unter den Begriffen Erlösung und Erneuerung tragfähige, lebbare Antworten und praktische Hilfen an.
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| 5. Erlösung und Erneuerung der ganzen Schöpfung |
Das Neue Testament bezeugt, dass Gott in Jesus von Nazareth zunächst gezeigt hat, wie seine Herrschaft der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit in einem konkreten historischen Kontext gelebt werden kann.
Als Konsequenz seines Lebens und seiner Lehren wurde Jesus von den religio-politischen Machthabern hingerichtet. Dieser scheinbare Sieg des Bösen wurde durch die Auferstehung Jesu in einen Sieg des Lebens über den Tod als die letzte Macht des Bösen verwandelt.
Die Mehrheit der weltweiten Christenheit glaubt an die erlösende Kraft des Todes und der Auferstehung Jesu als des Sieges über alle Mächte des Bösen.
Vor dem Hintergrund der oben dargelegten gesamthaften Sicht von Schöpfung und Gebrochenheit der Schöpfung ergibt sich an dieser Stelle nun die Überzeugung von der gesamthaften Erlösung, die sich in der Erneuerung aller Bereiche der ganzen Schöpfung auswirkt.
Das bedeutet im Hinblick auf die Lebensaufgabe des Christen:
Der Christ ist als Nachfolger Jesu beauftragt, in allen seinen jeweiligen Lebensbereichen die Macht der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes gegen alle Mächte der Ungerechtigkeit und des Hasses usw. zu bezeugen, in der Gewissheit, dass man mit Christus auf der Seite des Siegers steht, auch wenn die Mächte des Bösen in konkreten Situationen siegreich zu sein scheinen. Die Hoffnung des Neuen Testaments bezieht sich im Letzten nicht auf das «Ende der Welt», sondern auf die Erneuerung der gesamten Schöpfung und die Vernichtung des Bösen.
Der um Integrität bemühte Christ kämpft darum für die Umsetzung der guten Werte Gottes nicht aufgrund der Erwartung persönlicher Vorteile oder in der Hoffnung auf wirtschaftliche oder andere Vorteile für seine Firma oder seinen Arbeitgeber, sondern er kämpft darum, weil er als erlöster Mensch beauftragt ist, Zeugnis für Gottes Erlösung und Erneuerung in allen Bereichen der Schöpfung abzulegen, auch wenn das mit persönlichen Nachteilen verbunden sein sollte. Im Einzelfall ist jeweils abzuwägen, welche Art von Leid und Not man als Christ bereit ist zu tragen – für sich selbst und für die Menschen, für die man Verantwortung hat.
In diesen Zusammenhängen des Kampfes für Gottes gute Werte und der Leidensbereitschaft sind zwei weitere Aspekte von Bedeutung, die in den abschliessenden beiden Punkten angesprochen werden: Die Frage der Kraft zur Umsetzung der erkannten Werte sowie der Umgang mit der Realität des Versagens.
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| 6. Die Kraft zur Umsetzung biblisch-theologisch begründeter Werte |
Der Heilige Geist erscheint in der biblischen Story in vielfältigen Formen und Funktionen. Grundsätzlich ist der Heilige Geist der Geist Gottes. Gott ist der Schöpfer und Liebhaber des Lebens, und sein Geist ist die Schöpfungskraft und Lebensmacht Gottes.
Der Heilige Geist ist Gottes wirkmächtige Gegenwart in der Welt, die sich u. a. darin manifestiert, dass sie Leben schafft und fördert, Zerstörtes heilt, Leidende tröstet und zum Kampf für die heilsamen Werte Gottes ausrüstet. In unserem Zusammenhang ist die Einsicht schenkende Funktion des Heiligen Geistes sowie die motivierende und Kraft gebende Funktion des Heiligen Geistes von besonderer Bedeutung.
Die Einsicht schenkende Funktion des Heiligen Geistes
Die Bibel bezeugt an vielen Stellen, dass der Heilige Geist Menschen in konkreten Situationen Einsichten und Eindrücke schenkt, die ihnen helfen, die jeweilige Situation einzuschätzen.
An dieser Stelle besteht eine organische Verbindung zwischen der Fähigkeit, Menschen und Situationen aufgrund von Erfahrungen, aufgrund eines angemessenen theologisch-geistlichen Verständnisses der Bibel und aufgrund mehr oder weniger direkter, spontan von Gott geschenkter Einsichten wahrhaftig einzuschätzen. Es gilt, einem einseitigen biblischen Intellektualismus ebenso wie einem einseitigen enthusiastischen Spiritualismus zu widerstehen. Das Ringen um und die Bereitschaft für von Gott geschenkte Erkenntnis ist ein wesentlicher Teil des Wunsches, ein integres Leben zu führen.
Die motivierende und Kraft gebende Funktion des Heiligen Geistes
Die Bibel bezeugt darüber hinaus, dass der Heilige Geist die Motivation und Kraft schenkt, aufgrund von erkannten Werten und wahrhaftigen Einsichten in Situationen richtig und gut zu handeln. Wie dies im Einzelnen konkret geschieht, hängt neben anderen Faktoren von der Art der persönlichen Gottesbeziehung, von biografischen Aspekten und vom Persönlichkeitstyp jedes einzelnen Christen ab.
Darüber hinaus stellt der Heilige Geist Christen in die verbindliche Gemeinschaft mit anderen Christen, so dass wichtige Entscheidungen wenn immer möglich nicht ausschliesslich vom einzelnen Christen isoliert getroffen werden müssen, sondern nach vertraulicher Beratschlagung mit unbeteiligten Personen. Die Tatsache, dass der christliche Glaube durch und durch eine gemeinschaftliche Angelegenheit ist, ist durch den Individualismus der modernen westlichen Kultur stark in den Hintergrund getreten.
Die Neuentdeckung der immensen Bedeutung vertrauensvoller, ehrlicher Beziehungen in christlichen Gemeinschaften kann im Hinblick auf die Herausforderungen und Anforderungen an Führungskräfte Entsprechungen in der Entwicklung vertrauensvoller und verpflichtender Beziehungen finden, die den Bedürfnissen und dem Lebensrhythmus von Führungspersonen entgegenkommen (Aufbau von Mentoring- oder Coachingbeziehungen; Teilnahme an Erfahrungsaustauschgruppen o. ä.).
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| 7. Der Umgang mit Versagen in der Umsetzung der Werte |
Es gehört zu den Folgen der gebrochenen Realitäten der Schöpfung, dass Menschen im Allgemeinen und auch Christen im Speziellen nicht immer den Ansprüchen gerecht werden, die jemand anderes oder sie selbst an sich stellen.
Aus christlicher Sicht ist mit Versagen grundsätzlich barmherzig und mit der Bereitschaft zur Vergebung und zur zweiten Chance umzugehen. Natürlich kann nicht allgemein und absolut geklärt werden, wie sich diese Grundhaltung im Einzelfall jeweils in konkreten Entscheidungen niederschlägt.
Es gehört zur Integrität eines Christen, sich auf der einen Seite nicht aufgrund seiner barmherzigen Grundhaltung von anderen ausnutzen zu lassen, andererseits aber auch harte oder unbarmherzig wirkende Entscheidungen auf eine Weise zu kommunizieren, die die Würde der Betroffenen berücksichtigt und, soweit es möglich ist, versucht, Menschen auch bei harten Entscheidungen weiterführende Perspektiven, Zuversicht und Hoffnung zu vermitteln.
Dass man in den komplexen Zusammenhängen gegenwärtiger wirtschaftlicher und sozialer Systeme an dieser Stelle oft an Grenzen kommt, ist eine Realität, mit der umgehen zu lernen eine lebenslange Herausforderung ist.
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| Zusammenfassend kristallisiert sich die christliche Hintergrundperspektive zum Thema Integrität in folgenden Hauptpunkten: |
> Integrität bedeutet aus christlicher Sicht, die aus einer verantwortlichen Lektüre der Bibel gewonnenen Werte individuell und gemeinschaftlich zu leben.
> Sinn machen diese Werte und die Anstrengungen bei ihrer Umsetzung letztlich nur, wenn die umfassende biblische Weltsicht von Schöpfung, Gebrochenheit der Schöpfung sowie Erlösung und Erneuerung der ganzen Schöpfung keine schöne Illusion ist, sondern verlässlich die Wirklichkeit beschreibt.
> Das Leben in der Beziehung zu Gott, der als Schöpfer das Leben will und in seinem Wort die Werte für gelingendes Leben setzt,
der in Jesus Christus Erlösung von den Mächten des Todes erwirkt hat,
der im Heiligen Geist Einsicht und Kraft gibt, die Leben fördernden Werte umzusetzen,
und der uns für ein Leben in Gemeinschaft geschaffen hat,
eröffnet realistische Möglichkeiten für ein integres Leben jenseits illusionärer Utopien und resignativer Kapitulation vor eigenen Unfähigkeiten und fremden Sachzwängen.
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| Autor |
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Dr. Rainer Behrens
Jahrgang 1966
Verheiratet mit Bianca
1987–1992:
Theologiestudium in Krelingen, Münster, Giessen
1993–1996:
Pastoralassistent von Pfarrer Bernd Schlottoff in der westfälischen Landeskirche
1997–2002:
Promotionsstudium im
Bereich New Testament Studies in Cheltenham, England
Seit 2003:
Pastor der Chrischona-Gemeinde Kreuzlingen |
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